ZEIT 8 – Verlust

„Ich habe Zeit verloren“ – das sagt man so. Weil ich nichts getan habe, das Falsche getan habe, zu lange für das Richtige brauchte?

Ich habe Zeit verloren, wessen Zeit? Meine? Die von anderen? Bloß Arbeits:Zeit oder sogar Lebens: Zeit?

Ich habe Zeit verloren. Bin nicht in Übereinstimmung mit mir, meinen Zielen und Wünschen. Falle in den Spalt hinunter, der diese trennt. Unten im Schacht verliere ich dann wirklich Zeit.

Tagebuch für eine Freundin

tage:bücher

Die Nachricht, meine Freundin Heike sei ins Koma gefallen, erschüttert mich tief. Ähnlich wie der Notarzt denke ich, es kann nicht sein, dass eine 39-jährige einen Schlaganfall erleidet. Die Tage des Komas dauern an. Ich warte. Ich bange. Greife zu meiner Form, der Seele einen Raum zu geben und beginne Tagebuch zu schreiben. Für „die andere Heike“. Die Tage und Momente, die sie im Koma liegt, ersetze ich ihr mit Sätzen aus meinem Leben. Schenke ihr ein wenig der verloren gegangen Zeit zurück. Es sind zunächst Briefe, lange, lange Briefe. Meine Seele beruhigt sich. Heikes Körper entlässt sie aus der gefangenen Stille. In meiner Erinnerung ist es so, dass ich von der anderen Heike ein schönes Tagebuch geschenkt bekomme. Eine stumme, eindrückliche Aufforderung, ihr weiter zu schreiben. Ich werde sie mal fragen, ob das wirklich so gewesen ist.

Mir macht das tägliche Schreiben mehr als Freude. Endlich habe ich eine Grund:Muse, die so stark motiviert, dass ich 15 Jahre durchschreibe, Tag für Tag. Es macht mich glücklich, für mich selber Tagebuch zu schreiben, genauso wie es mich glücklich macht, dass eine andere mitliest. Es ist ein reduziertes Tagebuch, ich lasse Bereiche unberücksichtigt. Es ist eben kein Tagebuch, sondern ein geteiltes Buch. Leben, lieben, sterben, – die Jahre ziehen dahin, unaufhörlich mit meinen Worten unterspült. Je nach Heikes Gesundheits:Stand treffen  wir uns 1-2 Mal im Jahr und dann redet sie! Sie ergänzt mit ihrem Leben und wir gehen beide, etwas überfüllt, aber im glücklichen Vollständigkeitsgefühl wieder auseinander. Mittlerweile haben Krankheiten Heikes Leben übernommen und unkalkulierbar gemacht. An Weihnachten 2018 kündigt sie mir das Tagebuchschreiben. Die Wucht meiner Worte sei zu schwer und drückend geworden. Der Freiraum in ihrem Leben soll still und leicht sein. Mir ist es, als hätte mir jemand die Nabelschnur ohne Ankündigung durchgeschnitten. Ich falle. Bis ich ein paar Wochen später bei WordPress reinfalle. Um zu gesunden von dem Abschied beschließe ich, ein Jahr lang täglich einen Post zu veröffentlichen. Einen Gedanken, einen Impuls. Nie viel. Nie alles. Immer etwas Wichtiges. Mit einem weinenden und einem zwinkernden Auge.

Die 200 Tagebücher liegen in Kisten auf dem Speicher. Überfordert stehe ich vor dieser Flut aus Worten und Heften. Wohin damit? Für die Familie? Eher nicht, zu nah. Tagebuchmuseum München? Nicht bedeutend genug. Der Funke: ich frage eine andere Freundin, ob sie Erbin meiner erzählt-aufgeschriebenen Jahre werden möchte. Sie entrümpelt gerade und bittet um Bedenkzeit. Während Daniela nachdenkt, archiviere ich alles, beklebe hübsche Schachteln. Spüre ein wenig Erleichterung darüber, dass es nun nicht noch mehr Kisten werden. Zwischendurch erwäge ich die Anmietung eines Lagerraums. Dann sagt Daniela ja! Mein Scheib:Projekt ist versorgt und beheimatet.

Mein erster Post:

nabel:ketten:schnüre aus worten

gefühle auf papier gebannt für mich für dich

4000 tage entlang geschrieben

heute setzt du den durch:schnitt an

mein füller harrt der silben und das blatt starrt mich wortlos an

bin allein und wortlos wo werden meinen worte neue heimat finden?

statt langer tagebuch:sätze schreibe ich diamant:wörter. Es tut wohl, sie zu teilen.

der Weg des Koffers

Nächste Woche fahre ich an die See. Meine Koffer werden in drei Tagen abgeholt. Mein Zimmer leert sich. Lieblings:Stücke aus dem Kleider:Schrank liegen gefaltet bereit. Das spannendste Buch habe ich geschlossen, um auf der 10stündigen Reise ein Lese:Abenteuer zu genießen. Der Weg des Koffers ist im ersten Drittel ein Abschluss im alltäglichen Leben. Im zweiten Drittel geht er auf Reisen und schenkt mir in der Fremde Heimat. Im letzten Drittel bringen ihn die freundlichen Götterboten zurück. Beim Auspacken vermischen sich neue Erfahrungen, Sand und frisch beschriebene Blätter zu einem gefühlten Anfang, einer Symbiose aus Ferne und Zuhause. Der Koffer ist auf dieser Reise das Transport:Medium für Dinge und Gefühle.

Advent 8 – Der Glanz in den Augen der Mutter

Habe ich einen Glanz in die Augen meiner Mutter zaubern können? Ausser, dass ich laufen gelernt habe und in der Konditorei zwei Stunden still sitzen konnte?

Habe ich einen Glanz in die Augen meiner Mutter zaubern können? Wenn ja, hat sie das gut vor mir verborgen! Ich hätte ja über:mütig und hoch:mütig werden können!

Da hat sie an der falschen Stelle gespart und mir eher Mut:losigkeit mitgegeben.

Hat meine Mutter Glanz in meine Augen zaubern können? Ich fand sie toll, mit ein paar Jahren gegenteiliger Haltungen und Abwesenheiten meinerseits.

Sie ist früh gestorben. Am letzten aller Betten führe ich lange, lautlose Gespräch mit ihr. Ich vergebe ihr und sie vergibt mir. En kleiner goldener Glanz liegt auf diesen letzten Stunden. Der liegt seitdem auch auf meiner Seele.

auf Papier geschrieben

mein erster post, nun geschrieben auf Papier

Finde gestern das perfekte Notizbuch. Seit Beginn meiner Schreibarbeit „diamant:wörter“ suche ich nach einem schönen Weg, meinen Wörter auch analog einen Rahmen zu geben. Notizbücher, Vorschreib:Zettel, gescheiterte Tagebuch:Versionen, Ausdruck in DIN A 5 und DIN A 4, nichts paßte. Zweimal geriet ich in ein selbstgemachtes Lektorat und verwebte verschiedene Texte miteinander. Alles in allem produzierte ich immer mehr Wörter auf immer mehr Papier und kam zu keinem guten Ergebnis. Bis gestern.

Das Notizbuch ist alltäglich. Noch im Regal liegend rief es mir zu: „hej, ich passe zu dir!“ Rasch überschlug ich die Anzahl meiner Texte mit der Anzahl der Buchseiten. 6 Notiz:Bücher liegen auf dem Schreibtisch. Mit Füller werde ich alles chronologisch erneut aufschreiben. Ich brauche das Berühren von Papier, den Blick auf meine Handschrift. Das ist warm und innig. Toll, dass ich mit WORDPRESS mich geschwind und digital zum Ausdruck bringen kann. Bleiben werden schlußendlich diese Bücher aus meinen Diamant:Wörtern.