37: Vergleiche mit anderen vermeiden.

Shunmyo Masuno ZEN YOUR LIFE, Kapitel 37


“Jeder Mensch, der seine Arbeit als Berufung sehen kann, kann sich glücklich schätzen.“ Die meisten zweifeln eher an sich oder ihrer beruflichen Situation. Zwei Gedanken bringt Herr Masuno ins Spiel: etwas Neues anzufangen kann leicht sein, sogar etwas zu beenden. Schwierig ist oft, eine Sache weiterzuführen. Ich denke, jede dieser drei Zustände hat ihre eigenen Herausforderungen, Grenzen und Chancen. Wer hat nicht schon mal an jeder dieser drei Haltungen/Entscheidungen gestanden!

Den zweite Aspekt von Herrn Masuno finde ich nützlicher: sich nicht mit anderen vergleichen, wenn es nur dazu dient, sich unnütz oder untalentiert zu fühlen. Man sollte genau darauf achten, mit wem oder was man sich vergleicht. Hadere ich persönlich damit, nicht in drei Wochen die australische Wüste durchqueren zu können, ist grad´ niemandem damit gedient. Im Sport ist es Teil des Systems, aber nicht im alltäglichen Leben. Es zieht eher Neid und Traurigkeit an. Es wird immer Menschen geben, die besser oder schlechter dran sind als ich, es wird immer Gründe für Neid und Missgunst geben, wenn ich mich darauf einlasse. Das nützt eben so gar nichts. Ich kann überprüfen und nachspüren, wann und mit wem ich mich vergleiche und es auf mich zurückspiegeln. Eine mächtige Quelle der Selbst:Erkenntnis!!!!

36: die Schuld nicht bei anderen suchen

… ist eine Denkweise, die uns Glück und gute Beziehungen schenkt.

Shunmyo Masuno ZEN YOUR LIFE, Kapitel 36

Herrn Masuno „insistiert“ beim Thema Arbeit. Es sei eine unglaublich bereichernde Haltung, jedwede Arbeit mit Hingabe zu machen.

Ich habe ein paar Jahre offene Jugendarbeit gemacht. Als der Zeitpunkt kam, dass ich dachte „wenn ich noch einmal das Wort Liebeskummer oder schlechte Schulnote höre, platze ich!“, habe ich gekündigt. Spürte, dass mir die Geduld und damit die Zuwendung abhanden gekommen waren. Das habe ich niemals bereut.

Es gilt, eine Paradoxie aufzulösen. Wenn ich das in Frage stelle, was ich tue oder zu tun habe, führt es zu keinem guten Ergebnis, zu keinem Erfolg. Wenn ich schon beim Aufstehen denke: „ohje, jetzt muss ich ja noch meditieren!“ verliert die Übung ihren Sinn.

Ich selbst spiele die Hauptrolle bei meiner Arbeit, – das rät Herr Masuno als Denkweise. Das kann alles verändern und ich spüre an mir selber, dass ich manchen Widerstand „weg:atme“ und mich dann freier fühle. Es fehlt mir noch ein wenig an Übung, wenn zuviel auf mich einströmt. Vertraue mal auf die restlichen 64 Kapitel!!!

35: Sich nicht von seiner Umwelt gefangen nehmen lassen

Shunmyo Masuno ZEN YOUR LIFE, Kapitel 35

Der Untertitel ist gewöhnungsbedürftig: „Ein Tag ohne Arbeit ist ein Tag ohne Essen.“ Auch die Betonung im Zen auf asketische Übungen stößt schnell auf meinen Widerstand.

„Asketisch“ stammt aus dem Griechischen (askētḗs; ἀσκητής) und führt auch die Bedeutung: „wer sich einer Sache befleißigt“.

Lasse ich meine sprachlichen und kulturellen Vorbehalte mal beiseite, kann ich das heutige Kapitel so verstehen, dass es darum geht, jede Arbeit, jede Tätigkeit anzunehmen, sie als eine weitere Möglichkeit zum eigenen Wachstum zu erleben. So wie Nahrung mich nährt und am Leben erhält, kann das „asketische“ Gefühl (mich einer Arbeit zu befleißigen) für alle anliegenden Arbeiten mich spirituell und persönlich nähren. Allmählich versöhne ich mich mit immer mehr Handlungen, die ich bisher als schnöde Arbeit angesehen habe, die es galt, hinter mich zu bringen. Da ist der Weg wirklich nicht mein Ziel gewesen. Ich lerne dazu.

34: sich einer Sache hingeben

Shunmyo Masuno ZEN YOUR LIFE, Kapitel 34

Takuan,  ein Zen-Meister und Schwertkämpfer: „Der grundlegende Geist gleicht dem Wasser, das nirgendwo bleibt. Der irrende Geist ist wie Eis, mit dem Du Dir weder Hände noch Gesicht waschen kannst. Wenn Du das Eis zu Wasser schmelzen kannst, damit es überall  hinfließen kann, dann kannst Du Dir auch Hände und Füße waschen. Wenn sich Dein Geist auf eine Stelle fixiert, bei einer Sache verweilt, dann erstarrt er. Infolgedessen kannst Du ihn nicht frei und ungehindert benutzen, so wie Du Eis nicht zum waschen  nutzen kannst. Wenn Du Deinen Geist schmelzen und ihn wie einen Strom durch  Deinen ganzen Körper fließen läßt, dann kannst Du ihn nach Deinem Willen überall hinschicken und überall nutzen. Dies wird der grundlegende Geist (shen)genannt.“ Quelle: http://www.tao-chi.info

Ich verstehe heute, dass die vermeintliche Konzentration, dieses „ich muß mich jetzt konzentrieren!“ nicht zum Ziel führt. Ich verstehe, dass ich mir mit Eis nicht die Hände waschen kann. Und das ein starres Denken nicht zum Leben führt. Das ist viel, zum Glück gibt es unendliche viele ZEN-Übungen im Alltag, die helfen können. Ich schreibe in diesem Moment. Gebe mich dem Schreiben und den begleitenden Gedanken/Gefühlen hin. Erst DANN gehe ich frühstücken, bzw. denke ich an das Frühstück. So sei es denn!

33: Spaß an der Arbeit haben

Shunmyo Masuno ZEN YOUR LIFE, Kapitel 33

Am Sonntag habe ich meiner Schwester noch so schön erklärt, dass es für ihre Freude sei, wenn sie staubsaugt und die Betten neu bezieht. Es sei keine von ihr getrennte blöde Hausarbeit, sondern ein Teil ihres Lebens, der ihr dient. Sie findet das bedingt amüsant und murrt weiter.

Heute lese ich in Kapitel 33 bei Herrn Masuno, dass es unserer Lebensfreude mehr als zuträglich ist, jede Tätigkeit, besonders die monotonen, auch als etwas Einzigartiges zu fühlen. Alles, was ich mit meinem ganzen Sein tue, spiegelt sich auf meine Seele und meine Zufriedenheit zurück.

Die verflixte Pandemie hilft dabei: es gibt keine großen Ablenkungen, keine großen Vergnügungen, keine wohlgefüllten Abende mit geliebten Hobbys. Es gibt dafür das Zurückgeworfensein auf sich selber. Ich nehme den heutigen Gedanken in mich auf und werde bewusst noch respektvoller mit den so genannten einfachen Tätigkeiten umgehen. Das ergibt in Summe ein kleines Gefühl der Sinnhaftigkeit.

32: sich nicht den Kopf zerbrechen über Dinge, die noch gar nicht passiert sind.

Shunmyo Masuno ZEN YOUR LIFE, Kapitel 32

Es ist Allerheiligen. Mein Herz ist schwer. Lasse mich in das Kapitel von Herrn Masuno fallen. Ein Schüler bittet seinen Lehrer, ihm die Angst zu nehmen. Der Lehrer meint: „Das kann ich gerne tun. Zuvor möchte ich, dass Du mir Deine Angst VOR AUGEN führst.“ Der Schüler erkennt, dass ihm das unm.glich ist. Die Angst wohnt in seinem Herzen und ist im Außen ohne konkrete Gestalt.

Die Lehre ist, sich nicht den Kopf zu zerbrechen über Dinge, die noch nicht passiert sind. Es reicht, an die Dinge zu denken, die gerade passieren. Das gehe ich mit.

Jedoch, … die Pandemie verschluckt nicht nur meinen Alltag, sondern auch meine Pläne und Erwartungen an die Zukunft.

Sie verschluckt die Vorfreude und die unbedarfte Geselligkeit. Konkrete und unkonkrete Ängste fühlen sich weniger wohl in Geselligkeit und Heiterkeit. Heute ist ein schwieriger Tag, denn mein Herz fühlt sich zerbrechlich an, über das, was gerade passiert.

31: Wahrnehmen, das es noch ein „anderes Selbst“ gibt

Shunmyo Masuno ZEN YOUR LIFE, Kapitel 31

Erfrischenderweise ist das von Herrn Masuno nicht ausschließlich spirituell gemeint. Jeder hat Rollen und Funktionen. Doch wer bin ich, hinter und ohne diese Rollen? Das zweite Selbst ist wohlmöglich viel freier und radikaler.

Im ZEN ist es nicht entscheidend, was für ein Mensch man ist. Sondern mit seinem anderen Selbst in Kontakt zu sein, sich kennen zu lernen. Mir gefällt das heute so richtig gut. Nicht was ich bin, sondern wer und wie ich bin! Ich kenne einige rollen:selbst:vergessene Momente, z.B. beim Pilzesuchen oder bei meiner wunderbaren Ostheopathin!❤

30: Das, was gerade möglich ist, gut machen

Shunmyo Masuno ZEN YOUR LIFE, Kapitel 30

Nicht dem Unmöglichen hinterherlaufen oder auf das Unmögliche warten. Das, was gerade ist, gut machen ist ein wie PfadfinderINNEN-Motto. Den Belastungen, Anstrengungen und Einschränkungen der Pandemie mit Ruhe und Besonnenheit zu begegnen, das ist bereits heldinnenhaft.

Pater Anselm Grün hat ein Buch über Quarantäne geschrieben. Er bringt 1500 Jahre Erfahrungen mit klösterlicher Zurückgezogenheit ins Spiel! Es ist eine gute Zeit, sich dem ZEN zu widmen. Und von denen zu lernen, die Erfahrung damit haben, nicht aktiv am äußerlichen Leben teilzunehmen. Klausurwahrnehmung versus Isolierungsgefühle.

Rückblick:

Kapitel 1-30 sind von mir gelesen, bedacht, beschrieben worden. Alles habe ich ausprobiert, manches blieb erfolglos. Aber etliche scheinbare Kleinigkeiten sind Teil meines Lebens geworden. Es gibt mir einen unsichtbaren Halt in diesen unruhigen und beunruhigenden Tagen. Bin neugierig auf die nächsten 30 Kapitel. Sie tragen den gemeinsamen Titel: „30 Schritte zu Selbstbewusstsein und Lebensmut. Die Dinge einmal anders sehen“. Lassen wir uns überraschen!

29: Vor dem Schlafengehen unangenehme Gedanken vermeiden

Shunmyo Masuno ZEN YOUR LIFE, Kapitel 29

Diese Nächte, die keine Ruhe schenken, die wie gebrochene Gliedmaßen an mir hängen, wenn der Tag beginnt. Herr Masuno rät zu einer ruhigen Sitz:Meditation. Aufrecht sitzen im Bett, meditieren, im Körper die Verspannungen lösen, zur Ruhe kommen. Dann hinlegen und mit dem Gefühl der Dankbarkeit einschlafen. Gut und schön. Wenn ich „aufgedreht“ bin, ist wirklich das Allerletzte, was ich tun möchte, ruhig zu meditieren.

„Wenn du es eilig hast, gehe langsam.“ Das verstehe ich tagsüber schon ganz gut. Aber für die Dämonen der Nächte? Ich könnte mir vorstellen, eine Schlafmeditation als Podcast zu hören, mich einer Stimme anzuvertrauen. Aber gewiss nicht um 2 Uhr in der Nacht auf meinem Bett sitzend zu meditieren! Bestimmt gelingt das, aber davon bin ich noch ein paar Welten entfernt.

28: Nichts auf morgen verschieben, was heute getan werden kann.

Shunmyo Masuno ZEN YOUR LIFE, Kapitel 28

Im ZEN hat das nichts mit Aufschieberitis oder schlechtem Gewissen zu tun. Es ist ein sanftes Konzept. Die Essenz ist leicht zu beherzigen: „Tue heute, was in Deinen Möglichkeiten steht.“ Meine Möglichkeiten sind nicht jeden Tag und nicht zu jeder Lebenszeit gleich bleibend. Die Ereignisse, die einem das Leben vor die Füße legt und wirft, sind unendlich verschieden. So kann ich nur jeden Tag in mich hinein spüren und das tun, was in meinen aktuellen und realen Möglichkeiten steht. Dieser Gedanke macht mich glücklich und weniger getrieben.